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Markus Möller unterwegs in der Pommerschen Flusslandschaft

Relacje z trasy

Autor: Markus Möller

Data rozpoczęcia:2013-06-06

Data zakończenia:2013-06-20

Rund um das Stettiner Haff - Per Fahrrad auf Entdeckertour

1. Tag: Von Anklam nach Ueckermünde

Das einzige, was hier nicht reinpasst, bin ich mit meinem Fahrrad und dem
ganzen Gepäck. Ich passe so wenig wie, sagen wir mal, ein Kranich ins
Wohnzimmer. Um mich quakt, schreit, gurrt, singt und pfeift es. Reiher steigen
auf, ein Milan segelt über dem Wasser, und in der Ferne, dort, wo der
Bruchwald kahl, fast apokalyptisch aus den Sümpfen ragt, kreisen immerfort
weiße Vögel. Es scheinen Möwen zu sein, aber von meinem Platz im Gras aus
kann ich das nicht richtig erkennen. Wenn ich mich bewege, raschelt meine
Kleidung.

Ein fremdes Geräusch in dieser sich selbst überlassenen Natur. Sie heißt
Anklamer Stadtbruch und zählt zu den Mooren des Peenetals. Die Peene, so
sagt man, sei der Amazonas des Nordens, gut, dann ist dieses
Landschaftsparadies der Djoudi-Park des Ostens. Der liegt übrigens im
Senegal und ist eines der größten Vogelreservate der Welt. Fernweh
überkommt mich bei diesem Gedanken, und doch will ich im Moment nirgendwo
anders sein als unter der Mittagssonne südlich von Anklam, umgeben von
Torfgeruch, flatternden Schmetterlingen und Grashalmen, die meine Beine
kitzeln.

Irgendwo klappert etwas, das Geräusch nähert sich, dazu Stimmen, ich sehe
zwei Fahrradhelme knallrot über der Wiese schweben und dann vier
Mountainbikereifen, unter denen der Sand des schmalen Radwegs von Kamp
nach Bugewitz knirscht. Ich bin zurück in der Zivilisation, so schnell, wie ich sie
verlassen hatte.

In Kamp, am Peenestrom, war ich vor zwei Stunden. Da hatte gerade die Fähre
aus Usedom angelegt. Eine mollige Frau lehnte sich aus einem Imbisswagen
und maßregelte scherzhaft den jungen Fährkapitän, warum er ihr ohne
Passagiere unter die Augen trete.
„Soll ich meine schönen Fischbrötchen allein aufessen?“ rief sie, lachte und
musste davon husten. Ich kaufte ihr eins ab und bekam von ihr den Tipp, dass
sich unweit von hier die ehemalige Trasse der Bahnstrecke Berlin-Usedom
befände.
„Ist allerdings sehr weit“, meinte sie, während hinter ihr Kaffee brodelte.
„Ungefähr einen halben Kilometer.“ Ich ließ mein Fahrrad zurück, stieß vor in
die von der Frau prophezeite Ferne und wanderte dort auf einem tragischen
Abschnitt deutscher Geschichte. Eigentlich nur ein Sandweg. Ich versuchte mir
den blanken Schienenstrang vorzustellen, der hier einst verlief, wie die
Eisenbahn Richtung Peenestrom schnaufte, wie Passagiere sich aus den
Waggonfenstern lehnten, ihre weißen Hüte und schwarzen Zylinder festhaltend
und darauf wartend, bald über die Hubbrücke Karnin nach Usedom zu
gelangen. Drehte ich mich um, dann sah ich den rostbraunen Giganten, ein
unheilvoll wirkendes Stahlkonstrukt. Gleich einem Rieseninsekt bohrt es die vier
Eisenbeine ins Wasser. Steht so da seit jenen Momenten im Frühling 1945, als
die Nazis die Brücke bombardierten, um der vorrückenden Roten Armee den
Weg abzuschneiden. Daran dachte ich, und um mich war es still, kein Wind, nur
ein paar Fliegen summten.

Jetzt schlängelt sich vor mir der Sandweg durch den Anklamer Stadtbruch.
Beiderseits schillerndes Wasser, grüne Inselflecken, brütende Vögel. Hellblau
und wolkenlos umgreift der Himmel dieses Paradies. Als Kontrast dient der
Bruchwald, dem ich mich nähere. Er steht in den Sümpfen wie eine Armee
vertrockneter Gerippe. Es kreisen Möwen dort, jetzt sehe ich es.
Vor dem Dorf Bugewitz wird der staubige Weg zum Asphaltband. In einer urigen
Gaststätte, wo weißrosa Deckchen auf dunklen Holztischen liegen und es nach
frischgezapftem Bier riecht, bestelle ich eine große Cola. Sie löscht nicht den
Durst an diesem heißen Tag, kühlt aber angenehm mein Inneres.
Auf Leopoldshagen folgt laut meiner Karte der Ort Mönkebude. Das ist ein
Fischerdorf mit einem weißen Strand am Haff und einem Hafen, in dem die
„Ghost“ liegt.

Wie der Seewolf sieht Kapitän Alwin Harder nicht aus. Er trägt ein weißes
Polohemd und eine Brille, deren Gläser sich bei Sonneneinstrahlung dunkel
färben. Die „Ghost“ ist sein Zeesenboot. Der Mann hisst jetzt stolz das
rotbraune Segel. Dann löst er die Leinen und wirft, weil heute ziemliche Flaute
herrscht, den Bootsmotor an. Die Familie, die er für zehn Euro pro Nase an
Bord genommen hat, beobachtet erwartungsvoll lächelnd seine Handgriffe. Als
die „Ghost“ das Haff erreicht, füllt doch noch ein Wind das Segel. Der Motor
verstummt, sie gleitet dahin auf den kleinen Wellen, wie gezogen von der reinen
Sehnsucht nach Ferne, die wie ein Geist über allen großen Gewässern zu
schweben scheint.
Sonnenverbrannt und erhitzt vom Trampeln fahre ich durch die Wälder, genieße
ihre Nachmittagsschatten. Unter den Reifen floppen Tannenzapfen zum
Wegrand, es duftet nach Harz, ein Eichhörnchen jagt einen Baumstamm hinauf.

Hinter den Wäldern liegt Ueckermünde. In der einstigen Fischersiedlung
klacken auf den Bürgersteigen viele Schuhabsätze in eine Richtung, hin zum
Hafen. Gleich wird die Haff-Sail eröffnet. Sie ist so etwas wie die Hanse-Sail,
nur eben kleiner, unverbrauchter, irgendwie freundlicher als ihr durchgestyltes
Pendant mit Millionen sich umherschiebender Besucher. Hier sitzen sie auf den
Mauern vor dem Kai, schunkeln zu „Seemann, lass das Träumen“, das aus den
Lautsprechern schallt, und beklatschen die hupenden Schiffe – die Kutter,
Yachten, Zeesenboote, – welche vom Haff in den Hafen gleiten. Die Sonne
belichtet die fröhlichen Gesichter um mich, die farbigen Schiffswände und die
altehrwürdigen Fachwerkfassaden mit warmem Licht. Und als sie versinkt,
huschen im Stadtpark bunte Diskolichter umher, eine Band spielt Piratensongs,
Flaschen klirren aneinander, man kennt sich, plaudert, tanzt.
Der einzige, der hier nicht reinpasst, bin offenbar ich.


2. Tag: Von Ueckermünde nach Stettin

Samstag, 6 Uhr morgens. Ueckermünde im Schlummermodus. Träge weichen
die Schatten aus den Gassen. Der Markt wirkt wie eine Kulisse. Das weiße
Schloss der einstigen Pommernherzöge fläzt sich auf einem Hügel. Nur die
Marienkirche reckt ihren barocken Turm, wie um zu zeigen, dass sie längst
wach sei. Ich fahre besonders langsam, damit mein Gepäckanhänger leiser
über das Kopfsteinpflaster rollt. Er klappert dennoch laut gegen die Morgenstille
an, und ich befürchte, die Fensterläden werden hochgezogen und drohende
Fäuste mir entgegengestreckt.

Am Hafen stehen ein paar Angler und halten regungslos ihre Ruten ins Wasser.
Sie hören mich nahen, heben ihre Köpfe und senken sie wieder, als ich
vorbeigefahren bin.

Ein leichter Westwind schiebt mich durch die Ueckermünder Heide. Um mich
schier endloser Wald, aus dem ich hin und wieder Holz krachen höre. Auf dem
Radweg, ein Reh. Steht einfach so da, sieht mich wie ertappt an, bevor es mit
einem Satz im Unterholz verschwindet.

Diese Reise führt mich bis an die Grenze, und darüber hinaus. Seit Jahren ist
sie hier, in Altwarp, kaum noch zu erkennen. Nur ein paar langsam verfallende
Abfertigungshäuschen erzählen von Passkontrollen und Menschen in
Uniformen. Auf der anderen Seite des Stettiner Haffs liegt Neuwarp. Dort
beginnt Polen. Da will ich hin.

Die Fähre ist ein Kutter. Er heißt „Lütt Matten“, und ich denke dabei natürlich
gleich an den Jungen mit der weißen Muschel, an mein altes Kinderbuch, aus
dem meine Großmutter mir früher zur Guten Nacht vorgelesen hat. Wenn ich
wieder zu Hause bin, werde ich nachsehen, ob ich es noch im Bücherregal
finde.

Ein untersetzter Mann, er mag um die sechzig Jahre alt sein, spritzt das Deck
des Kutters ab. Er geht umher, schwenkt den Schlauch, in kurzen Jeans, mit
nacktem Oberkörper. Vor ihm, im Spritzwasser, funkelt ein Regenbogen. Der
Mann ist der Kapitän Lothar Bocklage. Ein verschmitzter Bursche, will mir
scheinen. Er schmunzelt immerzu vor sich hin. Ich glaube, wegen mir, weil ich
am Hafenbecken auf und ab laufe und Yachten und Fischerboote im
Morgenlicht fotografiere; Dinge, die für ihn alltäglich sind.

Jetzt stellt er das Wasser ab, legt den Schlauch beiseite und hievt mit mir den
Anhänger und das Fahrrad aufs Kutterdeck. Dann wirft er den Motor an, und wir
tuckern über das Haff nach Nowe Warpno, wie Neuwarp auf Polnisch heißt.
„Früher bin ich die Strecke zweiunddreißig Mal am Tag gefahren“, erzählt der
Kapitän und krault sein fülliges Kinn. „Wegen der zollfreien Waren, verstehst
du? Die Leute haben Schlange gestanden.“ Für einen Moment zeichnet sich
Wehmut in seinen blauen, der Ferne zugewandten Augen ab, als trauere er
jenen Zeiten hinterher. Doch schon guckt er wieder so verschmitzt wie vorher
„Willst du mal läuten?“, fragt er mich und zeigt auf die Schiffsglocke.
„Na klar“, antworte ich, läute, atme die Seeluft und werfe meinen Blick
kapitänsgleich auf die kleine Stadt vor uns. Ein frisch renoviertes
Fachwerkrathaus, eine blitzblaue Wasserpumpe davor, eine gepflegte, von Klinker gesäumte Promenade, die zur Kirche Maria Himmelfahrt führt. Die wirkt
so makellos, fast unwirklich perfekt, als wäre sie ein Legobausatz.

„Mal abwarten, ob der neue Pastor mehr taugt“, unkt Lothar Bocklage. „Sein
Vorgänger hat sich mit der Kollekte aus dem Staub gemacht.“ Ich gehe an
Land, nehme einen Schluck aus meiner Wasserflasche. Plötzlich – das Horn
des Kutters. Vor Schreck verschlucke ich mich, huste, pruste das Wasser
wieder aus. Der Kapitän steht feixend an Deck.
„Wäre ein prima Foto geworden“, ruft er, während der Schiffsmotor blubbert.
Der alte Mann winkt mir zum Abschied und tuckert dann mit „Lütt Matten“
davon.

Ich fahre über verlassene Landstraßen südwärts. Nur selten ein Auto. Entfernt
es sich, saugt das Walddickicht sein Motorengeräusch ein. Dann höre ich nur
noch meine Reifen surren und meinen gleichmäßigen Atem.

Auch das Leben in den kleinen polnischen Ortschaften scheint von
Gleichmäßigkeit geprägt, es fließt langsam und ruhig dahin. Das mag an der
flirrenden Hitze liegen; weil Wochenende ist; oder weil die Menschen es
beruhigt, eine Kirche zu sehen, sich ihr zu nähern, sie zu betreten. In Trebiez
zum Beispiel ist das so: Leute kommen zu Fuß vom Einkauf, stellen ihre Beutel
vor der Kirche ab, gehen hinein und verlassen sie nach einer Weile wieder. Als
hätten sie Kraft für den weiteren Weg getankt.

Die Marienkirche im benachbarten Jasienica ist sogar bis auf den letzten Platz
gefüllt. Mehr noch. Vor der geöffneten Tür hat sich eine große Traube festlich
gekleideter Menschen gebildet, die andächtig dem Gottesdienst lauschen.
Kinder mit Blumen im Haar, Großmütter, auf Krücken gestützt, junge Frauen mit
geschlossenen Augen, Familienväter mit polierten Schuhen und gesteiften
Hemdkragen. Sie alle beginnen zu singen, weil von drinnen der Chor anhebt,
und ihre Stimmen schweben wie ein weiches Tuch über den nahen Ruinen des
Augustinerklosters und zeichnen ein Bild purer Friedlichkeit.

Mit meiner Friedlichkeit ist es hinter Jasienica vorbei. Jetzt verschmelzen die
Städte ineinander, bilden Landschaften aus Beton, Stahl und Asphalt.
Benzingeruch, Straßenbahnquietschen, Krankenwagensirenen. Der Tag
beschleunigt, jagt mich durch Police und Skolwin bis Stettin. Nur wenn ich die
langgezogenen Hügel erklimme, fühlt sich die Zeit zäh an, doch rausche ich
hinab in die Täler, fliegt sie mir wieder um die Ohren. Hafenkräne ragen in den
Nachmittagshimmel, gewaltige Strommasten, Schornsteine, Hochhauskomplexe – ich fühle mich klein, recht unbedeutend.

Als ich mein Hotel erreiche, verpufft dieser Zustand. Nun habe ich einen Punkt,
um den ich kreisen, einen Radius bilden kann. Das Hotelzimmer wird zu meiner
Ersatzheimat in dieser fremden Stadt. Ich lasse mein Fahrrad vor der
Unterkunft stehen und erkunde Stettin zu Fuß.

Wo anfangen? Überall posieren Stettins Prachtbauten. Kupferne Kirchtürme
stechen in den klaren Nachmittagshimmel, barocke Stadttore stemmen sich aus
den Pflastersteinen, das Schloss der pommerschen Herzöge wirft mir das Weiß
seiner breiten Mauern und das Grün seiner geschwungenen Dächer entgegen.
Ganze Epochen, von der Hanse bis zum Preußentum, von der Renaissance bis
zum Barock, liegen ausgebreitet vor mir. Ein Geschichtsbuch aus Stein und
Stahl, das vier-, sogar sechsspurig von der Gegenwart durchfädelt wird. Sie ist
auch Plattenbau und Einkaufszentrum, Büroturm und Glasfassade. Wie
eingeschlagene bunte Meteoriten stehen die Neubauten zwischen dem Glanz
und der Glorie Stettins.

Ich entdecke eine rot gestrichelte Linie auf dem Bürgersteig und bemerke
schnell, dass sie die ganze Stadt durchzieht, sie einer Kette gleicht, auf welche
sich die Perlen der Stadt fädeln. Ich folge ihr viele Kilometer, vorbei am Alten
Rathaus und dem Heumarkt, entlang des Oderufers, der Hakenterrasse und der
mittelalterlichen Stadtmauer, bis ich vor der größten Kirche Pommerns stehe:
der Jakobskathedrale. Ihre 110 Meter recken sich aufwärts, als ginge die
Schwerkraft nicht von der Erde, sondern vom Himmel aus. Was ja auch stimmt,
zumindest hier, in Polen, wo fast jeder Einwohner Katholik ist.
Samstag, 6 Uhr abends. Stettin im Wachmodus. Noch lange schlendere ich
durch die vor Leben strotzenden Straßen der Stadt. Vor ein paar Stunden war
sie mir fremd, jetzt hat sie ein freundliches Gesicht bekommen.

Das letzte Mal war ich vor fast vierzig Jahren hier. Ich war drei, saß im
Sportkinderwagen und grinste in die Kamera, mit der ein mittlerweile etwas
zerknittertes Schwarzweißfoto entstanden ist. Mein Vater hat mir mal gesagt,
dass ich, wenn wir unsere kleineren und größeren Reisen unternahmen, immer
grinste. Als wollte ich gar nicht aufhören damit. Zu Hause, da weniger, da war
ich eher ernst, melancholisch fast. Aber unterwegs, ja, da blühte ich auf, hat er
gesagt.Der Abend legt sich mit einem rötlichen Licht über die Stadt. Ich gehe zum
Hotel. Eine alte Frau lächelt mich an, ich weiß nicht, warum, doch auf einmal
merke ich, sie hat nur zurück gelächelt.


3. Tag: Von Stettin nach Stepnica

Wie ein Geist flimmert die Hitze über dem Asphalt. Die kleinen pastellfarbenen
Häuser in Zalom scheinen in ihr zu zerfließen. Zwei Kinder fahren auf
blitzenden Rädern Slalom. Die Kleinen lachen die Stille an diesem
Sonntagvormittag aus.

Noch vor zwei Stunden – Stettin. Es spie mich mit einem schier endlosen
Fahrzeugstrom über die Oderbrücken aus. Jetzt erscheint die Stadt weit weg,
als hätte ich sie mir nur eingebildet.

Viel ist über diesen Tag nicht zu sagen. Er rollt sich ab wie das Straßenband
unter mir. Wiesen ziehen sich bis an den Horizont. Der erste Mohn blüht, rote
Farbtupfer wackeln im Westwind. Später zerfließen die Felder im Gollnower
Urwald. Kilometerweit stehen Bäume wie im Spalier. Die Fahrbahn – ein Kanal
durch grünbraune Gleichmäßigkeit.

Bis Goleniow mir seine Farben präsentiert: Als ein Meer aus Blumen in
stählernen Eimern. Als bunte Kopftücher der Verkäuferinnen. Als großes,
regenbogenfarbenes Tuch, das Kinder vor der Katharinenkirche im Wind flattern
lassen. Als Sonnenschirme mit leuchtender Bierreklame, die aufgespannt vor
den Restaurants stehen. Als Plattenbauten, die sich wie pastellene Farbkleckse
vor Jahren bis in den Ortskern gesprenkelt haben.

Später entdecke ich die echten Farben der Stadt, zum Beispiel das Rostrot
verfallener Mauern und das Hellbraun riesiger Feldsteine, die im Staubgrau
uralten Mörtels stecken. Angerührt mit den schönen und schrecklichen
Geheimnissen Goleniows, ihrem hanseatischen Reichtum früherer Zeiten, der
Willkür schwedischer Herrschaft und den Zerstörungen des 2. Weltkrieges.

Mein Weg führt nach Stepnica, an die Oder. Vom sonnendurchfluteten Strand
aus sehe ich die Wälder, die ich gestern durchfahren habe. Kinder springen –
ihre Hinterteile voran – von der Seebrücke ins Wasser. Zwei junge Frauen
sitzen schweigend am Steg und lassen verträumt ihre Beine in den Fluss
baumeln. Ein Containerschiff zieht lautlos nach Norden. Ich sitze am Ufer, fahre meine Finger durch die feine Körnung des Sandes. Ich lege mich hin, merke,
wie er sich in mein Haar mischt und sehe über mir Federwolken nach Osten
schweben. Wie Geister, unaufhaltsam und frei.


4. Tag: Von Stepnica nach Swinemünde

Durch das Fenster des Pensionszimmers kann ich die Oder sehen. Nebelfetzen
schleichen über das spiegelglatte Wasser. Die hölzerne Seebrücke liegt wie ein
ausgestreckter Arm darin. Möwen sitzen auf ihren Laternen. Am Strand liegt
vergessen eine rote Spielzeugschaufel. Die Sonne sammelt noch Kraft.
Ich rolle vom Hof der Pension, zum Start der letzten Etappe meiner Rundfahrt
ums Stettiner Haff. Ich gewöhne die müden Knochen an den Tag auf dem
Sattel.

Auf der Hauptstraße beschleunige ich, sprenge ich hinaus aus dem Ort, denn
Schatten umgreift mich, ich fahre mich warm. Ein Schulbus überholt mich mit
röhrendem Motor. Kinder pressen ihre Nasen an die Fenster.
Neben einem Ferienheim in Czarnocin endet die Straße. Ein Weg aus
zerbrochenen Betonplatten führt kilometerweit durch eine wild wuchernde
Heide, bis er an die Landstraße nach Wolin stößt, das ich bald darauf erreiche.
Die Stadt liegt an den Ufern der Dziwna. Ihr Wasser kräuselt ein auflebender
Wind. Die Mittagssonne kriecht hinter einem bauschigen Wolkenturm hervor
und heizt das Pflaster vor der Nikolaikirche auf. Es duftet schwer nach Sommer.
Frauen flanieren in kurzen Röcken an bunten Häuserfassaden entlang, bleiben
vor Schaufenstern stehen, schlendern weiter.

Offenbar lebt man recht zufrieden an diesem Ort. Angeblich war das schon in
der Steinzeit so. Auch, als hier später die Wikinger hausten und die Stadt dank
barbarischer Handelsprinzipien unsagbar reich machten. Man munkelt sogar,
unter ihr würde das sagenhafte Vineta liegen.

Die Europastraße 3 besitzt einen Seitenstreifen, eine Ausweichspur für zu
langsame Fahrzeuge. Besonders langsam fahre ich, denn es geht meist
aufwärts. Mir ist, als klebe ich an den Hügeln der Halbinsel Wolin. Ich trete,
schwitze. Gegenwind trocknet meine Haut. Rolle ich abwärts, greift er mir ins TShirt,
dass es wild um meinen Körper schlackert. Swinemünde ist längst
ausgeschildert.

An einer langen Autoschlange vorbei rolle ich ins Tal der Swina. Mit einer Fähre
überquere ich sie und genieße den Luxus, gefahren zu werden.

Noch ein paar Kilometer das Sitzfleisch auf dem Sattel walken, durch Wälder,
vorbei an zahllosen Zigarettenläden und Wechselstuben. Auf einmal stehe ich
am Bahnhof. Ich steige in den Zug, sitze dort zwischen Fahrrad und
Gepäckanhänger, überrumpelt von meiner plötzlichen Ankunft.
„Na?“, fragt der Schaffner. „Geht‘s auf große Fahrt?“ Ich lehne mich zurück,
verschränke meine Hände am Hinterkopf und lasse fröhlich den Gedanken
einwirken, die Tour noch einmal beginnen zu lassen.
Wir halten in Heringsdorf. Ich rieche die Ostsee durch die geöffneten Türen.
Dann drückt sie die Hydraulik wieder zu, wir fahren ab, wobei der Zug die
Richtung gewechselt hat.

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