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Markus Möller unterwegs in der Pommerschen Flusslandschaft

Relacje z trasy

Autor: Markus Möller

Data rozpoczęcia:2013-06-06

Data zakończenia:2013-06-20

Früher glaubte ich, nur die fernsten Länder haben die schönsten Landschaften. Meine Ziele hießen Sibirien, Mongolei, Kanada, Patagonien ... Ich bin per Rad um die Welt gefahren, habe im Kajak und zu Fuß Sibirien bereist. Doch im Laufe der Zeit begriff ich, dass, wer nur Weite sucht, übersieht, was vor seinen Füßen liegt. Deswegen bin ich in diesem Jahr in der Pommerschen Flusslandschaft unterwegs. Gemeinsam mit dem Tourismusverband Vorpommern erkunde ich auf drei Touren Gebiete abseits der großen Urlaubsziele. Gegenden, die noch manch Geheimnis bewahrt haben, und die darauf warten, entdeckt zu werden.

Tollense, Peene und die Eiszeitroute
Per Kanu und Fahrrad auf Entdeckertour

1. Tag: Von Altentreptow nach Klempenow

Es ist eine kleine Flucht aus einem unbekannten Land. Es heißt Republik Angelonien, liegt in Altentreptow, am Ufer der Tollense, und ein weißhaariger Mittfünfziger mit Schlappmütze und kurzer Hose ist der Kanzler. Eigentlich ist er ein Fischer, der sich hier sein eigenes Reich geschaffen hat, in dem er ungestört angeln kann. Ein schweigsamer Einsiedler – glauben wir. Kaum sieht er uns, rattert seine Stimme wie eine Gewehrsalve los: Dass er hier armgroße Forellen fange, dass es friedlicher zuginge, wenn die Leute mehr fischen würden. Aber weniger in seinem Land, denn er liebt ja die Ruhe. Sein Wortschwall gleicht einem Prasselregen. Zwischendurch verkauft uns der auf seine Weise liebenswerte Mann zwei Forellen. Wir greifen zu, steigen nebenbei ins Kanu, stechen die Paddel in den Fluss und brechen auf in die sanfte Wildnis der Tollense. Der Mann winkt uns, schweigt jetzt. Wasser plätschert, Wind streicht übers Gras, eine Amsel singt. Wir sind fröhlich, sind unterwegs.

Wir, das bin ich und mein Schwiegervater, ein drahtiger, junggebliebener Naturliebhaber. Eigentlich heißt er Bernhard, aber alle Welt nennt ihn schlicht Be. Wir wollen die Tollense hinab und danach ein Stück die Peene über Demmin bis Loitz befahren, bevor mich eine Fahrradtour auf der Eiszeitroute zurück nach Altentreptow führt.

Wie einfach es ist, sich aus dem Alltag zu klinken und ein kleines Abenteuer zu bestehen – mitten in der Heimat. Man braucht nicht viel zum Glücklichsein: Die Petrikirche von Altentreptow taucht hinter eiszeitlichen Hügeln ab. Erlen säumen die Ufer, dahinter breiten sich weite Äcker aus. Rapsfelder leuchten in der Sonne. Es ist warm, Libellen sausen über den Fluss, Enten stecken ihre Köpfe zusammen und flattern wild auf, als wir ihnen zu nahe kommen. Dann wieder ist es still.

Zur Bronzezeit, vor über 3.000 Jahren, war die Umgebung ein Schlachtfeld. Wochenlang metzelten sich Männer mit Keulen und Pfeilen nieder. Archäologen entdeckten an diesen Ufern, wo sich das Schilf jetzt friedlich in den Frühlingswind neigt, die verstreuten Gebeine von mehr als hundert Kämpfern.

In der Wildnis, und sei sie auch etwas kleiner, so wie hier im Vorpommerschen Land, verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart, und wer wie wir im Kanu reist, stellt fest, dass nichts mehr zählt als der Moment. Unser ist jetzt: das Ratschen von Gestein unter dem Kanuboden, das Aussteigen aus dem Boot, mitten im Fluss stehen, spüren, wie das klare Wasser die Füße umspült, und dabei nicht vergessen, die Leine des Kanadiers festzuhalten.

Ein Bursche mit windzerzaustem Haar hat ihn uns auf einem Anhänger von der Kanustation Burg Klempenow nach Altentreptow gebracht. Später, in Loitz, wird er uns wieder empfangen, und das Boot zurück transportieren. Doch bis dahin sind es noch einige Tage.

Die Tollense misst 68 Kilometer – vom gleichnamigen See bei Neubrandenburg bis Demmin, wo sie in die Peene mündet. Sie schlängelt sich in unzähligen Windungen durchs Land, wir spüren die Sonne im Nacken, im Gesicht, auf dem Rücken.

Die Stunden treiben dahin, weder schnell noch langsam, meine Haut riecht nach Sonne. Das Tageslicht wird weicher, zerrupfte Wolken schleichen am Himmel, Mücken tanzen über Wiesen.

Am Ufer sitzt ein Angler mit seiner Frau. Wir wünschen ein optimales Fangergebnis – und fahren versehentlich in die Sehne. Stumm knetet der Mann sein Gesicht.

Hinter der nächsten Biegung schält sich die Silhouette der Burg Klempenow aus dem Ufergestrüpp. Und als wir in diesem Ort nach fünfzehn Kilometern kurz vor einem Wehr an Land gehen, sind wir zu Gast im Mittelalter. Wir dürfen auf einem kleinen Zeltplatz gleich neben den alten Burgmauern schlafen.

Sie verschlucken das letzte Sonnenlicht unseres ersten Tages auf der Tollense. Finsternis kriecht aus den Winkeln des Burghofs, milchig leuchtet Mondlicht auf die Pflastersteine. Noch lange sitzen wir zwischen den Zeugnissen des Rittertums. Von irgendwoher weht Musik zu uns – ausgerechnet Joachim Witts „Goldener Reiter“. Ein Grund mehr zu lächeln.


2. Tag: Von Klempenow nach Demmin

Hätte ich eine Zeitmaschine, würde ich sie hier oben, auf den Burgturm stellen. Es wäre genau der richtige Platz für eine Lektion in europäischer Geschichte: Unten, an den mächtigen Mauern, würden Armeen zersplittern und Kriegsherren zürnen. Feuerkugeln und Brandpfeile würden die Luft zerfetzen, Schlachten wie Leuchtfeuer aufleben und wieder ersterben. Ein Sturzflug durch Jahrhunderte: Nordischer, Dreißigjähriger und Siebenjähriger Krieg, Napoleon, die Cholera, Flüchtlingsströme, Zerfall ...

Am Ende der Zeitreise aber steht die Burg Klempenow wieder in neuem Glanz. Früher war eben nicht alles besser. Einer, der das auch so sieht, ist Norbert Valtin. Der freundliche, etwas schlaksige Mann im roten T-Shirt zeigt uns das Innere der mittelalterlichen Anlage. Er ist ehrenamtlich für den Verein „Kulturtransit 96 e.V.“ tätig.

„Ohne Spenden und Sponsoren wäre das hier wohl noch immer eine Ruine“, sagt er und legt liebevoll eine Hand auf die steinerne Brüstung. Gemeinsam blicken wir hinunter auf die Tollense, die durch Wiesen und Felder Richtung Altentreptow mäandert.

Wir steigen die Wendeltreppe im Turm hinab. „Hier drin haben früher die Dodos von Knyphausen gewohnt“, erklärt der Burgführer und streicht einen Finger an der restaurierten Wand entlang. „Eine ziemlich schräge Familie aus dem siebzehnten Jahrhundert, ähnlich schillernd wie die Fürsten, Prinzen und Prinzessinnen in Monaco.“

Es riecht nach frischem Holz. An einer Decke steht in krakeliger Bleistiftschrift ein Name und ein Datum: 14.05.1963. „Wie oft sind wir hier als Kinder rumgeturnt“, erinnert sich Norbert Valtin, rückt seine Brille zurecht und lächelt. „Dass es keine Treppe gab, hat uns nicht gestört.“ Seit er denken kann, fühlt er sich wohl in diesen Gemäuern. Ob auch er sich eine Zeitmaschine wünsche?
„Wozu?“, fragt er. „Ich hab doch eine. Wir stehen mittendrin.“

Der Tag scheint vor uns zu flüchten, es ist bereits Mittag, als wir die Paddel zum Einsatz bringen und nordwärts Richtung Demmin fahren. Von hier an fließt die Tollense durch ein breites Urstromtal. Sie zieht ihre Bögen jetzt viel weiter als im Süden durchs Land. Hier und da hat man einst den Fluss begradigt, um das Holz aus den nahen Wäldern bequemer in den Norden zu transportieren.

Es ist ein warmer Tag, so wie gestern. Er heizt uns sogar richtig ein, wir schwitzen, als wir das Kanu an Land bringen, es um ein Wehr tragen und dahinter wieder ins Wasser schieben. Von Süden her kriechen dunkle Wolken über den Horizont.

Manchmal holen wir die Paddel ein und lassen uns ein Stück flussabwärts treiben. Dann lauschen wir der Natur: Ein Kuckuck ruft, schon länger, als begleite er uns. Ein Schwan fliegt auf, seine Flügel peitschen die Luft, Gehölz knackt, eine Fliege zieht übermotiviert scheinbar sinnlose Bahnen.

Unter einer Brücke unweit des Dorfes Broock gehen wir an Land. Schon von fern haben wir sein altes Schloss erblickt. Je näher wir ihm kommen, desto stärker zieht uns sein Äußeres an. Gewaltige Zinnen umlaufen das einstige Herrenhaus und bohren sich bedrohlich in den gräulicher werdenden Himmel, leer und ziellos stieren die Fenster in die Ferne. Ein mysteriöser und märchenhafter Ort zugleich. Eine Zeitmaschine, welche die Zeit – im Gegensatz zur Burg Klempenow – mehr und mehr auffrisst. Vor Jahren lauschte man hier Hörspielen unter freiem Himmel. Jetzt läuft nur noch eins: der Sound der Natur.

Der Wind frischt auf, kräuselt das Wasser. Wir ziehen unsere Bahn durch den Fluss, während sich eine finstere Wolkenfront westwärts um uns wölbt. Blitze zucken zu den Rapsfeldern, Donner grollt wie ein missmutiges Tier aus der Ferne. Es schleicht sich heran, und mit ihm der Regen. Bald trommelt er wild auf die Kapuzen. Er verstärkt sich noch, als falle ein zweiter Fluss vom Himmel, die Tropfen schießen wie Artilleriefeuer ins Wasser. Die Temperatur sackt ab, uns fröstelt. Stunde um Stunde vergeht so, bis wir in der Ferne den hohen Turm der Demminer Bartholomaeikirche erblicken. Der Himmel ist nur noch ein ausgequetschter Schwamm.

In Demmin endet die Tollense, mündet in die Peene. Auf ihr gelangen wir zur Anlegestelle im Norden der Stadt. Wir entsteigen dem Boot, triefen vor Nässe, als wären wir gekentert, meine Zähne klappern.

Später, im Hotel Trebeltal: wieder Wasser. Diesmal das heiße aus der Dusche. Im Fernsehen läuft der Eurovision Song Contest. Georgien geht an den Start, Sophie Gelovani singt „Waterfall“. Wieder ein Grund mehr zu lächeln.


3. Tag: Von Demmin nach Loitz

Zwei Prinzessinnen, heißt es, bauten sich hier ein Haus. Als es errichtet ward, gelobten sie einander: „Dat Hus is din und min.“ Das Haus war eine Burg, und das Versprechen blieb den Menschen in Erinnerung. Vielleicht wussten sie im Lauf der Jahrhunderte nicht mehr, was genau damit gemeint war, wenn sie es aussprachen, weil Worte sich mit der Zeit ähnlich verändern wie Orte. Doch bis heute erneuert jeder das einstige Versprechen, sobald er den Namen der Stadt ausspricht: Demmin.

Das Wetter ist an diesem Morgen nicht so romantisch wie die Sage von den Prinzessinnen. Immerhin, auch wir sind zu zweit. Obwohl nur als einfache Reisende in halbtrockener Kleidung, die vor den Ruinen der einstigen Burg stehen und sich in Erinnerung rufen, dass erst das, was man teilt, wertvoll wird.

Der Turm der Bartholomaeikirche ragt wie ein erhobener Zeigefinger in die zerzausten, langsam schwindenden Nebelwolken. Als mahne er zum Besuch der Pfingstmesse. Es regnet nicht mehr, nur das Kopfsteinpflaster glänzt noch.

Es führt am Pulverturm entlang, dem letzten erhaltenen Stadttor Demmins; vorbei am Luisentor, für dessen Namen – schon wieder – eine Prinzessin verantwortlich ist, und fädelt sich weiter bis zu den Resten der historischen Stadtmauer.

Wir wandern zurück zum Boot, zurück zur Peene, auf der vor Jahrhunderten die glanzvollen Schiffe der Hanse ankerten und Demmin damit für kurze Zeit in den erfolgsverwöhnten Städtebund beförderten.

Die Peene ist ein Naturparadies. Schier unberührt ziehen sich Moore, Wiesen und kleinere Wälder zu beiden Seiten des Flusses ins Land. Zwei Schwäne gleiten übers glatte Wasser, ein Seeadler kreist, neben uns schwimmen Barsche und sogar ein kleinerer Hecht. Als würden sie uns ein Stück begleiten wollen. Wildnis umgibt uns. Ich fühle mich wie fern der Heimat – und bin doch mittendrin. Dies könnte ein anderer Kontinent sein. Dabei wäre ich mit dem Zug in einer Stunde zu Hause – oder mit dem Boot in vielen Monaten in Südamerika. Die Peene – der Amazonas des Nordens.

Bis Loitz sind es nur fünfzehn Kilometer, die Hälfte der gestrigen Etappe. Wir legen längere Pausen ein, um zu verhindern, dass die Reise auf der Peene zu schnell endet. So gehen wir in Pensin an Land. Auf einer Wiese liegt eine alte, stillgelegte Fähre. Fast trotzig breitet sich das blauweiße Stahlkonstrukt auf dem grünen Grund aus, als wolle es nicht wahrhaben, dass alles seine Zeit hat. Seine letzte Fahrt über die Peene liegt 14 Jahre zurück. 65 Jahre lang erreichten die Bauern aus Pensin mit ihm die Wiesen auf dem gegenüberliegenden Ufer. Entlang eines Seils zogen sie die Fähre über den Fluss und transportierten mit ihr Rinder, dazu Heu und Grünzeug. Die Tiere weideten von Frühjahr bis Herbst auf den saftigen Wiesen und gaben gute Milch. Als 1999 der Fährbetrieb eingestellt wurde, nahmen 200 Menschen Abschied.

Auch wir tun das jetzt und gleiten mit der schwachen Strömung vorbei an knorrigen Weiden und verästelten Strauchbirken. Vor uns schwimmt eine Insel aus Schilf, etwa so groß wie unser Kanu. Irgendwo weiter stromaufwärts hat sie sich losgelöst und treibt nun wie ein unbemanntes Boot dahin, bis sie sich in einer Flussbiegung im Ufergestrüpp verfangen oder es vielleicht bis ins offene Meer schaffen wird.

Pastell spiegelt sich das Gutshaus von Rustow im Wasser. Von hier aus ist es nicht mehr weit bis Loitz, dem Ziel unserer Kanufahrt. Schon hinter der nächsten Biegung kündigt das Kupferdach der Marienkirche die Stadt an. Die ersten Häuser, erste Stimmen; junge Leute stehen um einen Grill, gestikulieren, prosten sich zu; andere Kanus, Kajaks, kleinere und größere Motorboote, Yachten ... wir sind angekommen.

Hinter dem Speicher biegen wir in den kleinen Hafen, steigen aus und ziehen das Boot an Land. Dann sitzen wir auf den Stufen zum Wasser und warten auf den Burschen mit dem windzerzausten Haar, der uns vor zwei Tagen das Kanu nach Altentreptow gebracht hat. Nun wird er es wieder abholen. Etwas Wehmut beschleicht mich.

Hinter uns – der alte Bahnhof von Loitz. Die Sonne hat sich durch die Wolken gearbeitet und taucht das liebevoll restaurierte Fachwerkhaus in weiches Abendlicht. Aus dem einstigen Bahnhof ist ein Restaurant geworden. Menschen in Sonntagskleidung treten heraus, rauchen, erzählen, lachen. Autos fahren vor, halten. Aus einem steigt eine Braut im weißen Kleid – wie eine Prinzessin. Wieder ein Grund mehr zu lächeln.


4. Tag: Von Loitz nach Altentreptow

Die Erinnerung ist 22 Jahre alt. Sie schwappt wie eine Welle zu mir. Auch damals war Mai, Gepäck klapperte in wasserdichten Taschen, wenn der Weg über Kopfsteinpflaster führte. Ich rollte – nun ja, nicht, wie jetzt, durch Loitz, dafür durch Demmin, und das ist nicht weit. Ich war jung, hatte den Kopf voller Träume, voll Fernweh und Abenteuerlust. Mit einem Gefährten fuhr ich – na gut, nicht von hier, aber von Rostock – um die Welt. Daran denke ich gern. Heute besonders: Ich bin umgestiegen, vom Kanu aufs Fahrrad.

Die Sonne wandert über den Horizont, schleicht hinterm Speicher entlang und gießt ihr Licht auf die spiegelglatte Peene. Schiffe und Boote liegen wie schlafend im Wasser. Wenn ich mich umdrehe, sehe ich die Marienkirche, die alten Gassen von Loitz. Sie sind menschenleer, es ist Pfingstmontag. Ich fahre über die Peenebrücke, hinaus aus der Stadt, bin heute allein.

Die Straßen führen nach Vanselow, ein kleiner Ort mit einem großen Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert. Lange Zeit lebten hier die Maltzahns, ein mecklenburgischer Uradel. Man vertrieb sie nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach der Wende kam ein Nachfahre, kaufte das Erbe der Familie zurück und putzte die verfallenen Mauern heraus. Im Park rauscht der Wind in mächtigen Bäumen, ein Stück weit entfernt schimmert das Wasser der Tollense. Irgendwann kehrt man immer zurück.

Die Asphaltstraße führt durch verschwenderisch grünen Wald. Es riecht erdig, der Boden atmet den Regen von gestern aus. Hinter dem Wald liegt Schmarsow. Hühner gackern, Hunde bellen. Und mitten im Ort – wieder ein Schloss. Mit prächtigen Seitenflügeln, vorgestreckt wie offene Arme. Ich fahre vorbei, mich zieht es zu echten Reichtümern.

Die breiten sich in dieser Region nur so aus. Man muss einfach die Augen aufmachen: Ein plätschernder Bach zwischen Birken; zwei Reiher, die durchs Getreide schreiten und neugierig die Köpfe drehen; knorrige Eichen und gestutzte Weiden als stumme Streckenposten.

Ich habe Staub auf den Lippen und Schweiß auf der Stirn. Mein Blick fliegt in grüne Täler, gelbe und braune Hügel hinauf, wieder hinab zur Tollense. Die Architektin dieser faszinierenden Reliefarbeit kam aus Skandinavien und hieß Eiszeit. Als sie vor 10.000 Jahren abreiste, hinterließ sie dieses einzigartige Kunstwerk. Eine prächtige, vor Weite und Wildnis strotzende Landschaft, die jedem Naturliebhaber kostenlos und täglich offen steht.

Auf der Eiszeitroute klappert mein Fahrrad die Kopfsteinpflasterstraße hinauf. Ich gelange nach Hohenbüssow mit seiner Feldsteinkirche, dem Kleinkunsttheater „proVie“, vielen bunten Gärten und einem verträumten Teich. Ein malerischer Ort, auch, weil der Maler Wolfgang Tietze hier lebt und wirkt. Der aus Leipzig stammende Künstler hat die alte Schule des Ortes zum Atelier umgebaut und heute im Rahmen des Projektes „Kunst offen“ seine Tür aufgesperrt. Freundlich steht er da vor seinen Werken, auf seiner Glatze spiegelt sich matt das Deckenlicht, er rückt seine dominante schwarze Brille zurecht und plaudert mit den Besuchern über Dantes „Göttliche Komödie“, die Armeezeit in der DDR und dass er als Maler weltbekannt sei, zumindest hier, in Hohenbüssow. Er verteilt trockene Scherze. Eine Frau sagt gerührt: „Bewahren Sie sich Ihren Humor.“ „Mir bleibt nichts anderes übrig“, antwortet er.

Die Räder schnurren wieder über Asphalt, rotieren durch Dörfer wie Golchen, Burow, Weltzin und Mühlenhagen. Hier erstreckt sich ein Naturerlebnispark. Natur in Natur sozusagen. Auf einer Fläche von vierzig Hektar wird die Wildnis des Tollensetals noch ein Stück greifbarer. In weiträumigen Gehegen leben Rehe und Hirsche, Pferde und Esel, Schnee- und Schleiereulen, Frettchen und Farbmäuse. Für den Duftgarten sollte man eine freie Nase haben, für den Streichelzoo eine freie Hand und für den Abenteuerspielplatz besser zwei.

Auf einem Feldweg klappere ich zur Landstraße nach Altentreptow und rolle dann ins Tal jener Stadt, in der wir vor vier Tagen mit dem Kanu auf der Tollense gestartet sind. Ich habe noch Zeit, bevor mein Zug fährt. Ich setze mich in den Stadtpark und ruhe mich von der fünfzig Kilometer langen Etappe aus. Vor mir der „Große Stein“, ein Riesenfindling, den die Eiszeit hierher geschleppt hat. Er gilt als der größte Findling auf Deutschlands Festland. Man schätzt seine Masse auf 360 Tonnen. Ein paar Kinder sausen um den Stein, spielen Fangen, wirken wie Fliegen.

Später sitze ich im Zug. Ob ich die Tollense vom Fenster aus noch einmal sehe? Die Bäume an ihrem Ufer und das Schilf, das sich im Wind bewegt? Sie bleibt verborgen hinter den Wäldern, und die Natur fliegt an mir vorbei. Doch wenn ich die Augen schließe, ist alles wieder da. Der beste Grund zu lächeln.

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